Liebster Lehrer,
Du hast mich letzthin einmal gefragt, warum ich mich nicht eifriger im Mündlichen beteiligen würde. Ich wußte Dir hierauf nichts zu antworten, nicht etwa, weil ich Furcht vor Dir Hatte, sondern vielmehr, weil ich zum einen fürchtete, die Antwort, die ich zu geben hätte, könnte Dich kränken, und zum anderen, weil ich glaubte, Du verlangtest auf die Frage, die Du in der lehrerüblichen, rhetorischen Art stelltest, gar keine offene Antwort.
Nun aber möchte ich dennoch versuchen, Dir wenigstens schriftlich zu antworten, wenn dies wohl auch nur sehr unvollständig geschehen kann.
Für Dich hat sich die Sache etwa so dargestellt: Du, als der den Schülern an Lebenserfahrung und Wissen so sehr Überlegene, tatest uns, den unerfahrenen, unwissenden Schülern, einen viel zu undankbar entgegengenommenen Gefallen, wenn Du zu Anfang beinahe jeder Stunde irgendein mehr oder weniger aktuelles Thema aufgriffst - meist in bezug auf das bevorstehende Abitur, dies schien ja Dein Lieblingsthema - und es breit und ausführlich mit uns diskutiertest.
Dies soll allerdings kein Vorwurf sein. Sicher waren Deine Ratschläge nur gut gemeint, ebenso wie die Berichte eigener Erfahrung, - wenn sich auch hier und da mal nicht nur wörtliche Formulierungen, sondern auch ganze Episoden häufig wiederholten. Hierbei aber ist zu bedenken, daß es natürlich nicht leicht ist, bei so vielen Klassen, die man unterrichtet, präzise zu unterscheiden, welcher man bereits was erzählte. Und ferner hatte dies ja sogar auch sein Gutes, prägten sich doch manche Dinge eben durch die Wiederholung viel besser ein. So hat wohl niemand Deinen Kurs verlassen, ohne das sichere Wissen, daß Goethe später nie aus dem ”Werther“ vorgelesen hat, daß “Faust gerettet“ wird und daß die schönste Szene in dem Spielfilm “Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ die Musterungsszene ist.
Ich mache Dir also auch hieraus keinen Vorwurf, - ich bin nur bemüht, Dir zu erklären, unter welchen Umständen ich mich im Mündlichen zurückhielt, und die permanenten Wiederholungen gehörten zu diesen Umständen. In der für Schüler typischen Ungeduld war ich es allzu schnell leid, auf die immer wiederkehrende Frage: “Es gibt noch ein sehr bekanntes Werk von Goethe, in dem der Held nicht so tragisch endet wie Werther, vielleicht kennt es jemand von ihnen...“ immer dieselbe Antwort zu geben, damit sich hierauf der nie variierende Dialog aufbauen konnte: “Faust.“ “Ja, richtig! Und wissen Sie eventuell auch - zufällig - ich nehme ja nicht an, daß es jemand von ihnen schon gelesen hat - wie Faust endet?“ etc.
Wenn nun aber jemandem ein Vorwurf zu machen ist, so vielmehr mir, hatte ich doch ganz offensichtlich völlig falsche Erwartungen an einen Deutschunterricht der Oberstufe gestellt. So war ich beispielsweise - gänzlich unberechtigt - erschrocken, als Du zugabst, “das mit dem Nihilismus selber nicht so ganz gerafft“ zu haben, obwohl Du doch damit deutlich Deine Ehrlichkeit bezeugtest.
Auch Dein Vertrauen gegenüber der Sekundärliteratur, das ich in meiner Verständnislosigkeit als eine gewisse, einem Lehrer nicht sonderlich gut anstehende Naivität ansah, beweist doch vielmehr Deine menschliche Gutmütigkeit.
Wie also könnte man Dir dann zürnen, wenn es hin und wieder vorkommt, daß Dir versehentlich eine schlechte Sekundärquelle in die Hände gerät, und Du daher - ohne es wissen zu können - die Fehlinformation an Deine Schüler weitergibst?
Auf diese Art und Weise kam es ja auch dazu, daß Du uns einmal mitteiltest, der Existentialismus sei “eine unverantwortliche Philosophie“, wurzele “überhaupt in der Vergangenheit“ und sei “ohne jeden neuen philosophischen Aufbruch“.
Ich erinnere mich, daß ich Dir damals einen kurzen Text schrieb, in dem ich versuchte, Dir die Bedeutung von Verantwortung in Sartres Philosophie zu erläutern sowie Dich vor weiterem zu gutgläubigem Vertrauen gegenüber der Sekundärliteratur zu warnen. Du sagtest nicht: “Leg’s auf den Nachttisch“, da Du diese Aussage Hermann Kafkas ja aufs äußerste verurteiltest. Gelesen aber hast Du es dennoch nicht, eine Diskussion in der Klasse beendetest Du mit den Worten: “Also, mir ist das immer noch nicht ganz klar. Bin ich froh, daß ich kein Philosoph bin“, und mir warfst Du von dieser Zeit an immer wieder lächelnd entgegen: “Na, den Sartre scheinen Sie ja gefressen zu haben.“
Verstehe mich nicht falsch, all dies ist nicht mehr als der Versuch einer Erklärung, die Du selbst von mir erfragtest und für die ich kleine Ereignisse als Beispiele heranziehen muß, die möglicherweise nicht die geeignetsten sind. Diese Beispiele sollen also weder dazu dienen, Dir irgendeinen Vorwurf zu machen, noch Dich etwa gar zu kränken, sondern einzig und allein ein wenig Licht in die Frage bringen, was mich an einer zu überschwenglichen mündlichen Beteiligung hinderte.
Nina